Roboter mieten statt kaufen — Robotics-as-a-Service (RaaS)
Wer einen Roboter nicht für 50.000–150.000 EUR kaufen will oder kann, hat seit einigen Jahren eine Alternative: Robotics-as-a-Service (RaaS). Der Roboter kommt aus einer Monats- oder Stundenpauschale, Wartung und Support sind inklusive — dafür bleibt der Entscheider dauerhaft abhängig vom Anbieter. Dieser Ratgeber zeigt, was wirklich publiziert ist, was Schätzung bleibt, und wann das Modell für KMU Sinn ergibt.
1. Was ist Robotics-as-a-Service?
RaaS bezeichnet ein Beschaffungsmodell, bei dem ein Unternehmen einen Roboter nicht kauft, sondern als Dienstleistung nutzt — vergleichbar mit Software-as-a-Service (SaaS). Der Anbieter liefert Hardware, Software, Wartung und Support in einer Rate, die nutzungsabhängig (Stunden, Schichten, Picks) oder pauschal (Monat, Laufzeit) verrechnet wird.
Das Modell ist seit ca. 2015 bei AMR-Anbietern (z. B. inVia Robotics, Locus Robotics) verbreitet und wird seit 2022/2023 zunehmend auch für Cobots und Humanoide diskutiert2. Kernmerkmal ist die Verlagerung des Investitionsrisikos vom Nutzer auf den Anbieter — zu einem höheren laufenden Preis.
Was typischerweise im RaaS-Paket enthalten ist
- Roboter-Hardware (Lieferung, Installation, ggf. Austausch)
- Steuerungs- und Fleet-Management-Software
- Wartung, Updates und Remote-Monitoring
- Support und Ersatzteile (Reaktionszeit anbieterabhängig)
Nicht immer enthalten: Systemintegration (Greifer, Sicherheitsperipherie, Anbindung an ERP/MES), Schulung des Bedienpersonals und Umbaukosten bei Prozessänderungen. Diese Posten sind je nach Vertrag gesondert zu verhandeln.
2. Monatsraten-Korridore — was wirklich publiziert ist
Der Robotikmarkt hält sich mit Preistransparenz zurück. Für den Großteil der industriellen Anbieter gilt „Custom Quote / Talk to an Expert". Die folgende Tabelle zeigt, was zum Stand Juni 2026 belastbar dokumentiert ist — und wo nur Schätzungen vorliegen.
| Anbieter / Modell | Kondition | Typ | Quelle |
|---|---|---|---|
| 1X NEO (Humanoid, Consumer) | 499 USD/Monat (Starter-Abo) oder 20.000 USD Kauf; 200 USD erstattbare Anzahlung; Lieferung ab 2026 | Primärquelle | 1X.tech/order3 |
| Agility Digit (Humanoid, B2B) | Betriebskosten ca. 10–12 USD/h (mittelfristiges Ziel laut CEO; langfristiges Ziel: 2–3 USD/h). Hochgerechnet auf 500 h/Monat: ca. 5.000–6.000 USD/Monat — nur als Orientierung, keine veröffentlichte Preisliste | CEO-Statement, unbestätigt | The Robot Report4 |
| Formic (RaaS-Plattform, Cobots & Schweißzellen) | Stunden-/Pauschalbasis; positioniert als Alternative zu 80.000–150.000 USD CapEx. Keine konkrete Rate auf der Seite publiziert — Anfrage erforderlich | Anbieterseite, keine Zahl | Formic5 |
| inVia Robotics (AMR, Lagertechnik) | Nutzungs-/leistungsbasierte Abrechnung (Goods-to-Person-AMR). Konkrete Rate nur auf Anfrage | Anbieterseite, keine Zahl | inVia Robotics6 |
| Universal Robots (UR), MiR, Kassow Robots u. a. B2B-Hersteller | Keine eigene publizierte RaaS-Rate. Leasing/Mietkauf über Integratoren oder Leasinggesellschaften möglich — Konditionen bonitäts- und anbieterabhängig | Marktüblich, keine Primärquelle | — |
Fazit Preistransparenz: Die einzige veröffentlichte, direkt vergleichbare Monatskondition stammt von 1X Technologies — einem Consumer-nahen Produkt, das noch nicht ausgeliefert wird. Alle B2B-Industriekonditionen sind nicht-öffentlich.
3. Kauf vs. Miete — direkter Vergleich
Welches Modell wirtschaftlich besser ist, hängt von drei Faktoren ab: Nutzungsintensität (Stunden/Jahr), Kapitalbindungskosten (Zinssatz, Opportunitätskosten) und dem Wert des enthaltenen Service (Wartung, Support, Technologieerneuerung). Eine pauschale Antwort gibt es nicht — aber die Entscheidungsparameter sind klar.
| Kriterium | Kauf (CapEx) | RaaS/Miete (OpEx) |
|---|---|---|
| Kapitalbindung | Hoch — einmaliger Kaufpreis (bei Cobots typisch 40.000–120.000 EUR Systempreis)Schätzung | Gering — Investition entfällt; laufende OpEx |
| Gesamtkosten bei langer Laufzeit (5+ Jahre) | Geringer — nach Abschreibung kein laufendes Entgelt; Restwert möglich | Höher — dauerhafte Ratenzahlung; kein Eigentumsaufbau |
| Technologierisiko / Veralterung | Beim Käufer — der Roboter altert im eigenen Bestand | Beim Anbieter — viele RaaS-Verträge sehen Hardware-Refresh vor |
| Wartung und Support | Separat verhandelbar — eigene Ressourcen oder Servicevertrag; Kosten zusätzlich | Inklusive — Wartung, Updates, Remote-Monitoring im Paket |
| Flexibilität bei Prozessänderung | Gering — Umbau, neue Greifer, Umschulung sind Eigenkosten; abgeschriebenes Gerät schwer veräußerbar | Höher — Vertrag kann enden oder umgestellt werden (je nach Laufzeitbindung) |
| Bilanzielle Behandlung | Aktivierung als Anlagevermögen — Abschreibung über Nutzungsdauer | Betriebsaufwand (OpEx) — ggf. bilanzneutral (je nach IFRS 16/HGB-Klassifikation; steuerlich prüfen) |
| Anbieterabhängigkeit | Keine nach Kauf (bis auf Software-Lizenzen) | Hoch — Betrieb hängt dauerhaft vom RaaS-Anbieter ab; Insolvenzrisiko beachten |
| Marktverfügbarkeit | Alle Modelle — Kauf bei jedem Hersteller/Integrator möglich | Eingeschränkt — RaaS nur bei ausgewählten Anbietern und Modellen |
Praktische Faustregel: Bei intensiver Nutzung (>1.500 h/Jahr) über mehr als fünf Jahre ist Kauf in der Regel günstiger. RaaS rechnet sich vor allem bei unsicherer Nutzungsintensität, begrenztem Eigenkapital und fehlenden internen Wartungskapazitäten.Schätzung/Orientierung
4. Welche Modelle und Anbieter bieten RaaS?
Für die folgenden Modelle ist ein RaaS- oder Mietmodell dokumentiert oder als strukturell vorgesehen bekannt. Konkrete Konditionen sind bis auf eine Ausnahme (1X NEO) nicht öffentlich.
Humanoide Roboter
- Agility Digit — wird von Agility Robotics ausschließlich über RaaS-Deployment vertrieben, nicht als Kauf. Paket umfasst Roboter, Software, Zubehör und Support; Konditionen werden pro Deployment verhandelt7. Keine publizierte Rate.
- 1X NEO — Abo-Option: 499 USD/Monat (Starter-Paket, Auslieferung ab 2026)Primärquelle3. Consumer-Produkt; B2B-Konditionen nicht separat publiziert.
AMR (Autonome Mobile Roboter)
- MiR-Flotten (Mobile Industrial Robots) — MiR selbst verkauft über Integratoren, ohne Preisliste. RaaS-Abrechnung ist über Systemintegratoren oder RaaS-Plattformen wie Formic5 möglich, aber nicht als Herstellerangebot verfügbar. Kondition: auf Anfrage.
- inVia Robotics — Lagertechnik-AMR (Goods-to-Person) auf nutzungs-/leistungsbasierter Abrechnung. Marktbeispiel für konsequent als RaaS konzipierte AMR-Plattform6.
Cobots (Kollaborative Roboter)
- Universal Robots (UR3e–UR20) — UR betreibt kein eigenes RaaS-Programm. Mietkauf und Leasing sind über Integratoren und Finanzierungspartner möglich. Eine spezialisierte RaaS-Plattform für UR-Arme ist Formic5; Details auf Anfrage.
- Kassow Robots (7-Achsen-Cobots, KR618, KR1205 u. a.) — dänischer Hersteller; kein eigenes publiziertes RaaS-Programm bekannt. Leasing über Integratoren möglich. Technische Daten und Verfügbarkeit über Kassow-Händlernetz.
- Formic (RaaS-Plattform) — herstellerunabhängige Plattform, die Cobots (Schweißzellen, Montage, Pick & Place) auf Stunden-/Leistungsbasis anbietet. Positioniert sich als Alternative zu 80.000–150.000 USD CapEx5. Eigene Konditionen nur auf Anfrage.
5. Wann rechnet sich RaaS für KMU?
RaaS ist kein Allheilmittel und kein Ausweichen vor einer Investitionsentscheidung — es ist ein anderes Risiko-/Rendite-Profil. Die folgenden Konstellationen sprechen für RaaS:
Typische RaaS-Argumente für KMU
- Knappes Eigenkapital / enge Kreditlinien: Der einmalige Kaufpreis und die Integrationskosten überschreiten das verfügbare Budget. RaaS macht den Einstieg möglich, ohne Liquidität zu binden.
- Unsichere Auftragslage oder Pilotprojekt: Es ist noch nicht klar, ob Robotik sich im eigenen Betrieb rechnet. RaaS ermöglicht einen begrenzten Feldversuch ohne Vollrisiko-Investition.
- Fehlende interne Wartungskapazität: Wer keinen Robotik-Techniker im Haus hat, ist bei ungeplanten Ausfällen auf externe Hilfe angewiesen. RaaS bündelt diesen Service in der Rate.
- Schnell wechselnde Produktionsanforderungen: In Branchen mit häufigem Modellwechsel (Losgröße 1, Lohnfertiger) kann Anbieterflexibilität das Technologierisiko dämpfen.
Typische Gegenargumente
- Dauerhafter Bedarf, hohe Auslastung: Bei planbarer Nutzung (>1.500 h/Jahr) über 5+ Jahre ist Kauf langfristig billiger — die RaaS-Marge des Anbieters ist eingepreist.
- Strategische Kompetenz aufbauen: Wer Robotik als Kernkompetenz entwickeln will, braucht eigene Hardware und Programmierkompetenz — nicht einen Anbieter als dauerhaften Betreiber.
- Verhandlungsposition bei kleiner Flotte: RaaS-Konditionen werden erst bei größeren Flotten wirtschaftlich attraktiv. Für einen Einzelroboter ist der Aufpreis gegenüber Kauf oft erheblich.
- Anbieterinsolvenz: Junge RaaS-Anbieter tragen VC-Finanzierungsrisiken. Ein Ausfall des Anbieters legt die Anlage still — Contingency-Plan erforderlich.
Faustformel Break-even
Als grobe Orientierung: Ein RaaS-Angebot mit 3.000 EUR/Monat (12 Monate Laufzeit = 36.000 EUR/Jahr) ist gegenüber einem Systemkauf von 90.000 EUR nach ca. 2,5 Jahren teurer — ohne Berücksichtigung von Kapitalbindungskosten und Servicewert. Bei günstigen Finanzierungskonditionen und eigenem Wartungspersonal verschiebt sich der Break-even zugunsten des Kaufs. Diese Rechnung ist eine vereinfachte Illustration; für den konkreten Fall empfiehlt sich der TrueCost-Report.Schätzung/Illustration
Ihren konkreten Fall durchrechnen — Kauf vs. RaaS
Der TrueCost-Report auf Roboratgeber.de berechnet eine 3- bis 5-Jahres-Gesamtkostenbetrachtung für Ihren spezifischen Einsatzfall — inklusive Kapitalbindungskosten, Wartung und versteckter Posten. Sie geben Ihre Eckdaten ein, der Report zeigt, ob Kauf oder Miete wirtschaftlicher ist. Kostenlos, nach E-Mail-Bestätigung (Double-Opt-In).
Weiterführend: RaaS vs. Kauf — Break-Even und TCO-Szenarien für KMU · Was kostet ein Industrieroboter wirklich? · Technischer Modellvergleich · Förderungen für Robotik und Automatisierung (DACH)
- Roboratgeber.de — interne Quellenanalyse Preise & RaaS (Stand 2026-06-25): Direktabruf der Hersteller-Preisseiten für Universal Robots, MiR, Kassow, FANUC, ABB — keine öffentlichen Listenpreise oder RaaS-Konditionen gefunden. Vollständige Dokumentation in
research/quellen-preise-raas.md. - Formic — „Robots-as-a-Service (RaaS)" — Einführungsartikel (Anbieterseite, abgerufen 2026-06-25). Historischer Kontext zu RaaS-Verbreitung ab ~2015 bei AMR-Anbietern.
- 1X Technologies — Order NEO (Hersteller-Bestellseite, Stand 2026-06-25). Publizierte Konditionen: 20.000 USD Kauf oder 499 USD/Monat Starter-Abo; 200 USD Anzahlung, voll erstattbar; Lieferung ab 2026. Einzige direkt publizierte RaaS-/Abo-Rate im betrachteten Sample.
- The Robot Report — „Here's What It Could Cost to Hire a Digit Humanoid" (Fachzeitschrift, Datum laut Seitenindex). Referiert CEO-Statement Peggy Johnson (Agility Robotics): Ziel-Betriebskosten 10–12 USD/h mittelfristig, 2–3 USD/h langfristig. CEO-Statement, keine veröffentlichte Preisliste.
- Formic — „Robots-as-a-Service (RaaS)" (Anbieterseite, abgerufen 2026-06-25). Beschreibt RaaS als Alternative zu 80.000–150.000 USD CapEx für eine Schweißzelle. Konkrete Stundensätze werden nicht genannt; Anfrage erforderlich.
- inVia Robotics — „Robotics-as-a-Service" (Anbieterseite, abgerufen 2026-06-25). Beschreibt nutzungs-/leistungsbasiertes AMR-RaaS-Modell; keine Raten publiziert.
- Agility Robotics — „Get Started / Start Your Humanoid Deployment" (Anbieterseite, abgerufen 2026-06-25). Digit wird ausschließlich über RaaS-Deployment (Roboter + Software + Zubehör + Support) angeboten; Konditionen pro Deployment verhandelt, keine Preisangabe.