Cobot oder Industrieroboter — was passt für den Mittelstand?

„Wir brauchen einen Roboter" — aber welchen? Cobot, klassischer Industriearm oder autonomer mobiler Roboter (AMR) sind drei grundverschiedene Technologieklassen. Welche passt, hängt von Traglast, Durchsatz, Sicherheitskonzept und Budget ab. Dieser Artikel liefert das Entscheidungsraster — quellenbelegend und ohne Verkaufssprache.

Zur Einordnung: Herstellerangaben zu Traglast, Reichweite und Taktzeit gelten unter Laborbedingungen nach ISO 9283 bzw. ISO/TS 15066 — nicht zwingend für Ihren konkreten Einsatzfall. Unabhängige Vergleichsmessungen zwischen Roboterklassen existieren für den Mittelstand nicht in frei zugänglicher Form (siehe auch Ratgeber Kosten). Angaben zur Marktbreite und Preisen sind als Schätzung/Orientierung gekennzeichnet.

1. Was ist was — drei Klassen im Überblick

Der Begriff „Roboter" wird im Markt uneinheitlich verwendet. Für eine belastbare Entscheidung sind drei Klassen zu unterscheiden:

Kollaborativer Roboter (Cobot)

Ein Cobot ist ein Industrieroboter, der konstruktiv für das Zusammenarbeiten mit Menschen ausgelegt ist. Die zugrundeliegende Norm ist ISO/TS 150661, die vier kollaborative Betriebsarten definiert, darunter „Power and Force Limiting" (PFL): Der Arm erkennt Kontakt und stoppt oder reduziert die Kraft unter festgelegte Schwellenwerte. Gelingt der Nachweis per Risikobeurteilung, entfällt das feste Schutzgitter — Mensch und Arm teilen sich denselben Raum.

Typische Vertreter: Universal Robots UR-Serie2, FANUC CRX-Serie3, ABB GoFa CRB 150004, KUKA LBR iiwa5, Franka Research 36. Weitere Vertreter dieser Klasse mit quellenbelegten Herstellerdaten: Stäubli TX2-40 (Reinraum-tauglicher 6-Achser), Omron TM12 (Cobot mit integrierter Kamera) und Yaskawa HC10DT.

Sicherheitshinweis: „Cobot" ist keine Zertifizierungsbezeichnung. Jede Anlage erfordert eine eigene Risikobeurteilung nach EN ISO 10218-2. Fraunhofer IPA maß 2025 am Unitree G1 EDU-4 (einem mobilen Humanoid, nicht Cobot) Kollisionskräfte von über 500 N — was die Grenzwerte der ISO/TS 15066 überschritt7. Der Befund unterstreicht, dass Herstellerversprechen zur Kollaborationssicherheit ohne unabhängige Messung nicht als gesichert gelten können.

Klassischer Industriearm

Klassische Industrieroboter (Knickarmroboter, SCARA, Parallelkinematik) sind auf maximalen Durchsatz und hohe Traglast ausgelegt. Sie arbeiten nach EN ISO 10218-1/-28 zwingend hinter einer Schutzeinrichtung (Gitter, Lichtschranke, abgesicherter Bereich). Kollaborative Betriebsart ist nicht vorgesehen oder nur als Sonderkonfiguration zertifizierbar. Traglastbereiche von einigen Kilogramm bis mehreren Tonnen; Taktzeiten und Wiederholgenauigkeiten übertreffen Cobots im Hochdurchsatz-Dauerbetrieb.Schätzung/Orientierung

Ein typischer kompakter Vertreter dieser Klasse ist der Kawasaki RS005N — ein klassischer 6-Achs-Industrieroboter, der bauartbedingt hinter einer Schutzeinrichtung betrieben wird (quellenbelegte Herstellerdaten auf der Modellseite).

Dieser Artikel fokussiert auf Cobots und AMR als die für KMU-Erstprojekte typischeren Einstiegstechnologien. Klassische Industriearme sind gesondert zu bewerten, wenn der Einsatzfall hohen Durchsatz, schwere Lasten oder Extremtemperaturen erfordert.

Autonomer mobiler Roboter (AMR)

Ein AMR transportiert Lasten autonom von A nach B — ohne Arm, ohne Greiffunktion, ohne feste Führungsspur. Er kartografiert seine Umgebung dynamisch via Laserscanner und/oder Kamerasystemen und weicht Hindernissen aus, ohne Infrastrukturumbau am Boden zu benötigen. Das unterscheidet ihn vom älteren fahrerlosen Transportsystem (FTS/AGV), das auf Magnetbänder oder induktive Schleifen angewiesen ist.9

Typische Vertreter: MiR250 (250 kg Nutzlast, bis 2,0 m/s)10, MiR600 (600 kg)11, AGILOX ODM (300 kg, Unterfahr-AMR)12, AGILOX ONE (bis 1.000 kg, 1,4 m/s)13.

2. Technische Eckwerte im Vergleich

Die folgende Tabelle zeigt Orientierungswerte der drei Klassen. Alle Werte basieren auf verifizierten Herstellerangaben (Quellen s. u.) oder sind als Schätzung gekennzeichnet. Einzelmodell-Specs auf den Modellseiten.

Merkmal Cobot Klassischer Industriearm AMR
Traglast typisch 3–25 kg2,3,4 6 kg bis mehrere TonnenSchätzung 50–1.000+ kg (Transport)10,12,13
Reichweite typisch 500–1.750 mm2,3 500 mm bis mehrere MeterSchätzung n. a. (Fahrbereich unbegrenzt)
Sicherheitsabstand Kein festes Gitter nötig, wenn RA nach ISO/TS 15066 bestanden1 Feste Schutzeinrichtung nach EN ISO 10218-1/-2 verpflichtend8 Dynamische Personenerkennung; Sicherheitszonen per Software konfigurierbar9
Durchsatz / Taktzeit Begrenzt durch Kraft-/Geschwindigkeitslimits in Koll.-BetriebSchätzung Höchster Durchsatz im Dauerbetrieb möglichSchätzung Richtwert: 1,4–2,0 m/s Fahrgeschwindigkeit10,13
Flexibilität / Umrüstung Hoch — kein Umbau der Anlage, einfaches Teach-inSchätzung Mittel — Umbau erfordert Stillstand, ProgrammieranpassungSchätzung Hoch — Routenanpassung per Software, keine Bodenmarkierungen9
Infrastruktur Minimale Anforderungen; kein Umbau der HalleSchätzung Fundamentverankerung, Schutzgitter, E-InfrastrukturSchätzung Kein Bodenumbau; WLAN-Netz für Flottenmanagement empfohlenSchätzung
Einstiegskosten (System) ca. 70.000–120.000 EUR inkl. IntegrationSchätzung Variiert stark; tendenziell höher wegen SchutzeinrichtungSchätzung ca. 35.000–80.000 EUR je AMR (ohne Flotteninfrastruktur)Schätzung

Preisangaben sind Orientierungsgrößen ohne belegte Primärquellen; Integratoren-Angebote einzuholen. Vollständige TCO-Betrachtung: Ratgeber: Was kostet ein Industrieroboter wirklich?

3. Wann ist ein Cobot die richtige Wahl?

Ein Cobot ist dann sinnvoll, wenn Flexibilität, Mensch-Maschine-Nähe oder ein begrenztes Investitionsbudget höher priorisiert werden als maximaler Durchsatz.

Typische Szenarien für Cobots

Grenzen des Cobots

In kollaborativer Betriebsart (PFL nach ISO/TS 15066) sind Geschwindigkeit und Kontaktkraft nach oben begrenzt. Das reduziert die erreichbare Taktzeit im Vergleich zu einem klassischen Industriearm, der dieselbe Aufgabe hinter einem Schutzgitter erledigt.Schätzung/Orientierung Wer hohen Stückdurchsatz bei gleichbleibender Aufgabe braucht, ist mit einem Industriearm in einer geschlossenen Zelle in der Regel besser bedient.

4. Wann ist ein klassischer Industriearm besser geeignet?

Der klassische Industriearm ist optimiert für hohe Stückzahlen, schwere Lasten und 24/7-Dauerbetrieb in einer abgesicherten Zelle. Folgende Situationen sprechen für diese Klasse:

5. Wann ist ein AMR die richtige Wahl?

Ein AMR löst eine andere Aufgabe als ein Arm-Roboter: innerbetrieblicher Materialtransport. Er greift nicht, montiert nicht und prüft nicht — er fährt Lasten von A nach B, autonom und ohne Infrastrukturumbau.

Typische Szenarien für AMR

Grenzen des AMR

Ein AMR transportiert — er greift, montiert und prüft nicht. Für Pick-and-Place, Schrauben, Schweißen oder optische Prüfung brauchen Sie zusätzlich einen Arm-Roboter oder Menschen. Kombinierte Lösungen (AMR mit aufgesetztem Arm, sog. mobiler Manipulator) existieren am Markt, befinden sich aber noch überwiegend in frühen Praxisphasen.Schätzung/Orientierung Die unabhängige Datenlage zu deren Leistung ist dünn: Für kein AMR-Kernmodell existiert eine frei zugängliche unabhängige Leistungsmessung — alle kursierenden Kennzahlen zu Geschwindigkeit, Nutzlast und Docking-Genauigkeit stammen aus Hersteller-Datenblättern.15

6. Entscheidungstabelle: Welche Klasse passt?

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Entscheidungskriterien zusammen. Jeder Treffer ist eine Tendenz, kein Automatismus — die finale Auswahl erfordert eine herstellerübergreifende Anfrage und eine Risikobeurteilung.

Kriterium Spricht für Cobot Spricht für Industriearm Spricht für AMR
Traglast ≤ 25 kg > 25 kg Transportlast (50–1.000+ kg)
Aufgabe Montage, Handling, Prüfung Schweißen, Lackieren, Entgraten, Präzisionsfertigung Transport von A nach B
Produktvarianz Häufiger Wechsel, kleine Serien Seltener Wechsel, hohe Stückzahl Routenanpassung per Software
Mensch im Arbeitsbereich Ja — kollaborativer Betrieb möglich Nein — feste Schutzeinrichtung nötig Ja — Personenerkennung eingebaut
Schutzgitter vorhanden Nicht zwingend (wenn RA bestanden) Ja / muss ergänzt werden Nicht nötig
Infrastrukturumbau akzeptabel Nein / minimal Ja (Fundamentierung, Schutzgitter) Nein — kein Bodenumbau nötig
Durchsatzanforderung Mittel Hoch (max. Taktzeit) Abhängig von Fahrstrecke
Erstprojekt / Pilot Gut geeignet Höheres Einstiegsrisiko Gut geeignet
Normen / RA-Aufwand ISO/TS 15066 + EN ISO 10218-21,8 EN ISO 10218-1/-28 EN ISO 3691-4 (Sicherheit FTS/AMR)

7. Drei Fragen für Entscheider in der Praxis

Vor einer Herstelleranfrage empfehlen wir, diese drei Fragen intern zu klären:

  1. Was soll der Roboter tun — greifen oder fahren? Greifen, montieren, prüfen → Arm-Roboter (Cobot oder Industriearm). Transportieren → AMR. Beides → Kombination, höhere Komplexität einkalkulieren.
  2. Wie oft ändert sich die Aufgabe? Täglich bis monatlich → Cobot (schnelles Umrüsten). Selten bis nie → Industriearm (maximaler Durchsatz rechtfertigt Rüstaufwand). Ändert sich nur die Route → AMR per Software anpassbar.
  3. Darf der Mensch in den Arbeitsbereich? Nein, ausgeschlossen → Industriearm in Schutzgitter, maximale Leistung. Ja, gelegentlich → Cobot in kollaborativer Betriebsart (nach Risikobeurteilung). Ja, laufend → Cobot mit geeigneter Sicherheitskonfiguration; AMR mit Personenschutz-Sensorik.

Diese Fragen ersetzen keine vollständige Anforderungsanalyse, aber sie trennen die drei Klassen zuverlässig. Erst dann lohnt es, konkrete Modelle zu vergleichen.

8. Kombination: Cobot + AMR als Mittelstandsprojekt

Für viele KMU ist die sinnvollste erste Robotisierung keine Entweder-oder-Entscheidung. Ein häufiges Muster in der Praxis:Schätzung/Orientierung

Beide Klassen sind für Pilotprojekte geeignet, weil sie weniger Infrastrukturveränderung erfordern als klassische Industriearme in Vollzellen. Das reduziert das finanzielle Risiko eines Erstprojekts — verschiebt aber die Komplexität in die Integration der Systeme untereinander.

Nächste Schritte

Technische Daten vergleichen: UR10e · FANUC CRX-10iA · ABB GoFa CRB 15000 · KUKA LBR iiwa 14 · Franka Research 3 · Stäubli TX2-40 · Omron TM12 · Yaskawa HC10DT · Kawasaki RS005N · MiR250 · MiR600 · AGILOX ODM · Alle Modelle

Alle Klassen nebeneinander: Vergleichsseite mit Filtern für Traglast, Kategorie und Preis

Gesamtkosten realistisch einschätzen: Ratgeber: Was kostet ein Industrieroboter wirklich? und der TrueCost-Report (3–5-Jahres-TCO für Ihren Einsatzfall, kostenlos nach E-Mail-Bestätigung).

Quellen und Belege
  1. ISO/TS 15066:2016 — „Robots and robotic devices — Collaborative robots". Definiert vier kollaborative Betriebsarten (Safety-Rated Monitored Stop, Hand Guiding, Speed and Separation Monitoring, Power and Force Limiting) sowie Kraftgrenzen für körpernah geführte Kollaboration. Bezugsquelle: iso.org/standard/62996.html. Normtext kostenpflichtig; Kurzfassung als ISO-Brief verfügbar.
  2. Universal Robots — Produktübersicht UR-Serie (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglastbereich UR3e (3 kg) bis UR20 (20 kg). Technische Specs je Modell auf der Hersteller-Produktseite; UR20-Datenblatt: UR20 Technische Daten (Hersteller).
  3. FANUC Europe — CRX-Serie (Hersteller, Stand 2026-06-25). Modellreihe CRX-5iA bis CRX-25iA; kollaborativer Betrieb.
  4. ABB Robotics — GoFa CRB 15000 Spezifikationsseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglast 5 kg, kollaborativer Betrieb.
  5. KUKA — LBR iiwa Produktseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Varianten 7 kg und 14 kg Traglast; momentengeregelt, für MRK ausgelegt.
  6. Franka Robotics — Franka Research 3 Produktseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Datenblatt (PDF): download.franka.de/Datasheet-EN.pdf.
  7. Fraunhofer IPA — „Benchmark for Humanoid Robots" (Pressemitteilung, 2025). Erster standardisierter Humanoid-Benchmark; Unitree G1 EDU-4: Kollisionskräfte >500 N, Überschreitung der Grenzwerte aus ISO/TS 15066; Bluetooth-Sicherheitslücke (später behoben). Hinweis: Befund bezieht sich auf einen mobilen Humanoid, nicht auf Cobots — illustriert jedoch, dass Sicherheitsclaims unabhängige Messung erfordern.
  8. EN ISO 10218-1:2011 — „Robots and robotic devices — Safety requirements for industrial robots — Part 1: Robots" und EN ISO 10218-2:2011 — „Part 2: Robot systems and integration". Legen Mindestanforderungen an Schutzeinrichtungen für klassische Industrieroboter fest. Bezugsquelle: iso.org/standard/51330.html (Teil 1) und iso.org/standard/51331.html (Teil 2).
  9. Mobile Industrial Robots — MiR250 Spezifikationsseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Beschreibung AMR-Navigation: Laserscanner-basierte dynamische Kartografierung, keine Induktionsschleifen.
  10. Mobile Industrial Robots — MiR250 Spezifikationen (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglast 250 kg, Fahrgeschwindigkeit bis 2,0 m/s (Herstellerangabe).
  11. Mobile Industrial Robots — MiR600 Spezifikationen (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglast 600 kg (Herstellerangabe).
  12. AGILOX — ODM Produktseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglast 300 kg, Fahrgeschwindigkeit 1,4 m/s, Hub 250 mm, Ladezeit ca. 11 Minuten (Herstellerangaben). Datenblatt (PDF): agilox.net — ODM Datenblatt.
  13. AGILOX — ONE Produktseite (Hersteller, Stand 2026-06-25). Traglast bis 1.000 kg (Single-Scissor), Fahrgeschwindigkeit 1,4 m/s (Herstellerangaben).
  14. Pollák et al. (2020): „Measurement and Analysis of UR5 Robot Performance Parameters According to ISO 9283", Advances in Mechanical Engineering, SAGE. Messung lastabhängiger Genauigkeitsstreuung am UR5 unter Produktionsbedingungen; real schlechter als Datenblattwert (unabhängige Studie).
  15. Roboratgeber.de — Interne Recherche AMR-Testquellen (2026-06-25, research/quellen-tests-amr.md): Für kein AMR-Kernmodell (MiR250/600, OTTO, Omron LD, Geek+, Locus) konnte eine frei zugängliche, herstellerunabhängige, reproduzierbare Leistungsmessung ermittelt werden. Alle kursierenden Kennzahlen stammen aus Hersteller-Datenblättern oder Reseller-Seiten. Neutrale Messgrundlage: ASTM-F45-Normreihe (F3244, F3265, F3499); Verweis: NIST — A-UGV-Testmethoden.