Einsatzfall

Cobots in der Lebensmittelindustrie — Hygieneanforderungen, Aufgaben und Modellauswahl

Die Lebensmittelbranche stellt besondere Anforderungen an automatisierte Systeme: Reinigungsfähigkeit, lebensmittelechte Materialien und Schutz vor Feuchtigkeit sind keine optionalen Extras, sondern regulatorische Grundvoraussetzungen. Diese Seite erläutert, welche technischen Eigenschaften ein Cobot für den Food-Grade-Einsatz mitbringen muss, welche typischen Aufgaben automatisiert werden können und welche Modelle aus unserem Datensatz für DACH-KMU infrage kommen.

Warum Food-Grade-Automatisierung andere Anforderungen stellt

In der Lebensmittelverarbeitung gelten strenge Hygienevorschriften — in der EU insbesondere die Lebensmittelhygiene-Verordnung (EG) Nr. 852/20041 sowie die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG in Verbindung mit der EN 1672-2 (Nahrungsmittelmaschinen, Hygieneanforderungen)2. Hinzu kommen branchenspezifische Standards wie die EHEDG-Richtlinien (European Hygienic Engineering & Design Group)3 für hygienisches Equipment-Design.

Kernproblem: Standardindustrieroboter sind für trockene Fertigungsumgebungen konzipiert. Hohlräume, Schmierstoff-Austrittstellen und nicht-lebensmittelechte Kunststoffe sind in der Lebensmittelproduktion nicht tolerierbar. Wer einen Standard-Cobot ohne Prüfung der spezifischen Ausführung einsetzt, riskiert Hygienemängel bei Behördenkontrolle und ggf. Produktrückrufe.

Hygieneanforderungen im Überblick

Kriterium Mindestanforderung Food-Grade Hinweis
Schutzart Gelenke IP67 oder höher IP67 schützt vor temporärem Eintauchen (30 min, 1 m Tiefe). Für Hochdruckreinigung (Washdown) ist IP69K erforderlich. Herstellerangaben für jede konkrete Ausführung prüfen.
Washdown-Eignung IP69K empfohlen für Intensiv-CIP/SIP IP69K beschreibt Schutz gegen Hochdruck-/Dampfstrahl. Viele Hersteller bieten spezielle Washdown- oder Cleanroom-Ausführungen ihrer Cobots an. Standard-Varianten oft nur IP54/IP67 — dies ist für Nassbereiche mit direktem Wasserstrahl nicht ausreichend.
Lebensmittelechte Materialien NSF H1-Schmierstoff; FDA 21 CFR-konforme Kunststoffe NSF H1 erlaubt zufälligen Lebensmittelkontakt4. FDA 21 CFR Part 177 regelt Kunststoffe im Lebensmittelkontakt (USA)5. EU: EG 10/2011 für Kunststoffe im Lebensmittelkontakt6. Herstellerbestätigung einholen.
Oberflächen Glatte, geschlossene Gehäuse; keine Toträume Toträume (Nischen, Schraubenköpfe) begünstigen Biofilmbildung. Hygienic-Design-Prinzipien nach EHEDG Document 83 fordern Oberflächen mit Ra ≤ 0,8 µm für direkte Lebensmittelkontaktflächen.
Schmierstoffe H1 oder H2 (kein Lebensmittelkontakt) H2-Schmierstoffe (kein Lebensmittelkontakt) reichen für roboterferne Antriebseinheiten. Bei möglichem Kontakt ist H1-Schmierstoff Pflicht. NSF-Zertifizierungsliste prüfen.
Risikobeurteilung ISO 10218-1/-2 + ISO/TS 15066 Auch im Lebensmittelbereich ist die Risikobeurteilung des kollaborativen Robotersystems Pflicht (ISO 102187, ISO/TS 150668). Lebensmittelhygienische Gefährdungsanalyse (HACCP) ist separat zu erstellen.
Guardrail A1: Die Schutzart-Angaben basieren auf der IEC 60529 (IP-Klassifikation)9 und den Modell-Datenblättern der verlinkten Modelle. Hygienezertifizierungen (NSF, EHEDG) sind herstellerseitig zu bestätigen und gelten nur für die jeweilige Ausführungsvariante. Angaben ohne Gewähr, können Fehler enthalten.

Typische Aufgaben in der Lebensmittelverarbeitung

Portionieren und Dosieren

Cobots übernehmen das präzise Greifen, Wiegen und Abfüllen von Portionen — z. B. beim Bestücken von Behältern, Tabletts oder Verpackungen mit vordefinierten Mengen. Voraussetzung: lebensmittelechte Greifer (Silikon, VA-Stahl) und kalibrierte Kraftkontrolle, um empfindliche Produkte nicht zu beschädigen. Wiederholgenauigkeit ist weniger kritisch als bei Metall-Präzisionsteilen; entscheidend ist die Reproduzierbarkeit des Greifprozesses.

Verpacken und Abfüllen

Pick-and-Place-Aufgaben — Produkte aus einem Förderband in Verpackungseinheiten legen — gehören zu den häufigsten Cobot-Anwendungen in Food & Beverage. Typische Parameter: Traglast 2–10 kg (je nach Produktgröße und Greiferwahl), Reichweite 500–1300 mm. Kamerasysteme (Vision-Guided Robotics) ermöglichen die Erkennung ungeordnet zugeführter Produkte.

Palettieren von Gebinden

Kartons, Dosen oder Flaschen-Träger auf Paletten stapeln. Im Lebensmittelbereich oft am Ende der Linie, wo Hygieneanforderungen geringer sind als in der direkten Produktberührungszone. Hier kommen auch Standard-Cobots (IP54) in Betracht, wenn kein direkter Lebensmittelkontakt besteht. Details: Einsatzfall Palettieren.

Qualitätsprüfung

Kamera-gestützte Inspektion auf Füllstand, Etikettierung oder Verpackungsintegrität. Cobots mit integrierten oder aufgesteckten Kamerasystemen eignen sich als flexible Prüfzellen. Mehr dazu: Einsatzfall Qualitätsprüfung.

Realitäts-Discount: Was Taktzeiten in der Praxis bedeuten

Realitätscheck Taktzeiten: Hersteller nennen oft theoretische Zykluszeiten unter Laborbedingungen. Im realen Lebensmittelbetrieb gelten zusätzliche Faktoren:

  • Hygienestopps: CIP/SIP-Reinigungsintervalle (Cleaning in Place / Sterilization in Place) unterbrechen den Betrieb. Wochenend-Reinigung oder Schichtwechsel-Reinigung können mehrere Stunden täglich kosten.
  • Greifer-Rüstzeit: Wechsel zwischen Produktvarianten erfordert Greifertausch oder -reinigung — besonders bei klebrigen oder feuchten Produkten.
  • Produktvarianz: Lebensmittel sind keine starren Metallteile. Gewicht, Form und Konsistenz schwanken; robuste Greif-Strategien und Kraftkontrolle sind wichtiger als maximale Geschwindigkeit.
  • Sicherheitsreduzierung: In MRK-Szenarien (Mensch-Roboter-Kollaboration) wird die TCP-Geschwindigkeit per ISO/TS 15066 begrenzt — effektive Zykluszeit ist dadurch höher als Herstellerangabe im Freilauf.

Fazit: Planen Sie bei Amortisationsrechnungen mit 60–80 % der theoretischen Kapazität als realistischen Ausgangswert (Schätzung/unbestätigt — eigene Validierung für Ihren konkreten Teilestrom ist unerlässlich).

Passende Modelle aus bestehenden Datensätzen

Quellenbelegte Spezifikationen; jede Zahl trägt eine verlinkte Primärquelle auf der jeweiligen Modellseite. Hygiene-Ausführungen (Washdown, Cleanroom) sind herstellerseitig gesondert zu bestätigen — unsere Datensätze bilden jeweils die Standard-Variante ab.

Universal Robots UR5e

Traglast: 5 kg10 Reichweite: 850 mm10 Schutzart: IP54 (Gelenke) / IP67 (Handgelenk)10 Wiederholgen.: ±0,03 mm10

Der UR5e ist einer der meistverkauften Cobots weltweit und wird von Universal Robots explizit für Food & Beverage-Anwendungen beworben. Das Handgelenk erreicht IP67; Universal Robots bietet darüber hinaus spezifische Cleanroom- und Washdown-Ausführungen seiner e-Serie an — diese tragen abweichende Schutzklassen und Materialzertifizierungen (Herstellerangaben auf der UR-Produktseite prüfen). Die Standard-Variante ist für Einsatzbereiche ohne direkten Wasserstrahl geeignet; für Intensiv-Washdown ist die entsprechende Sonderausführung zu wählen.

Technische Daten UR5e →

FANUC CRX-10iA

Traglast: 10 kg11 Reichweite: 1249 mm11 Schutzart: IP54 (Gehäuse) / IP67 (Handgelenk)11 Wiederholgen.: ±0,04 mm11

Der CRX-10iA (FANUC CRX-Serie) trägt IP54 am Gehäuse und IP67 am Handgelenk (Herstellerangabe). FANUC bietet in der CRX-Serie auch Cleanroom-Varianten (White/Cleanroom-Lackierung, abweichende Schmierstoff-Spezifikation) an — diese sind auf der FANUC-Produktseite separat ausgewiesen. Mit 10 kg Traglast und 1249 mm Reichweite eignet sich der CRX-10iA für schwere Pick-and-Place-Aufgaben und leichtes Palettieren in der Lebensmittellinie.

Technische Daten FANUC CRX-10iA →

Alle weiteren Cobot-Modelle mit quellenbelegten Daten: Cobots-Übersicht · Technischer Vergleich

Nächste Schritte: Kosten und Angebote

Wissen, was ein Cobot für Ihre Lebensmittelproduktion wirklich kostet — Anschaffung, Hygieneausrüstung (Greifer, Schutzabdeckungen, Washdown-Upgrade), Integration und Amortisationszeit in einer ehrlichen 3- bis 5-Jahres-Kalkulation.

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Abgrenzung und Hinweise

Quellen
  1. Europäisches Parlament und Rat — Verordnung (EG) Nr. 852/2004 über Lebensmittelhygiene: eur-lex.europa.eu — 32004R0852. Abgerufen 2026-06-28.
  2. DIN EN 1672-2:2021 — Nahrungsmittelmaschinen — Sicherheits- und Hygieneanforderungen: din.de — EN 1672-2. Abgerufen 2026-06-28.
  3. EHEDG — European Hygienic Engineering & Design Group, Document 8 (Hygienic Equipment Design Criteria): ehedg.org/guidelines/doc-8/. Abgerufen 2026-06-28.
  4. NSF International — NSF H1 Lubricant Certification (Schmierstoffe mit zufälligem Lebensmittelkontakt): nsf.org — food-equipment-certification. Abgerufen 2026-06-28.
  5. U.S. Food & Drug Administration (FDA) — 21 CFR Part 177 (Indirect Food Additives: Polymers): ecfr.gov — 21 CFR Part 177. Abgerufen 2026-06-28.
  6. Europäische Kommission — Verordnung (EU) Nr. 10/2011 über Materialien und Gegenstände aus Kunststoff, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen: eur-lex.europa.eu — 32011R0010. Abgerufen 2026-06-28.
  7. ISO — ISO 10218-1:2011 / ISO 10218-2:2011 (Robots and robotic devices — Safety requirements for industrial robots): iso.org/standard/51330.html. Abgerufen 2026-06-28.
  8. ISO — ISO/TS 15066:2016 (Robots and robotic devices — Collaborative robots): iso.org/standard/62996.html. Abgerufen 2026-06-28.
  9. IEC — IEC 60529:2013+AMD1:2013+AMD2:2023 (Degrees of protection provided by enclosures — IP Code): iec.ch. Abgerufen 2026-06-28.
  10. Universal Robots — UR5e Produktseite (Hersteller): universal-robots.com/products/ur5-robot/. Abgerufen 2026-06-26. Vollständige Specs: modelle/ur5e.html.
  11. FANUC — CRX-Serie Produktseite (Hersteller, JP/EN): fanuc.co.jp/en/product/robot/model/crx/. Abgerufen 2026-06-25. Vollständige Specs: modelle/fanuc-crx-10ia.html.